Franz Sternbalds Wanderungen by Tieck Ludwig

Franz Sternbalds Wanderungen by Tieck Ludwig

Author:Tieck, Ludwig [Tieck, Ludwig]
Language: deu
Format: epub
Published: 2011-04-12T22:00:00+00:00


Zweites Kapitel

Franz hatte einen Brief aus Straßburg mitgenommen, um ihn einem Manne in einer nicht entfernten Stadt abzugeben, dessen Bekanntschaft er zu machen wünschte. Sie waren im Begriff einen Seitenweg einzuschlagen, um auf einem Umwege jene Stadt zu besuchen, als sie, auf einem anmutigen Hügel ausruhend, zwei Gestalten auf jenem Wege auf sich zuschreiten sahen. Der eine von diesen trug einen schwarzen Mönchshabit, der andre hatte fast das Ansehn eines Soldaten, denn ihm wankten Federn vom Hut, er trug ein kurzes enges Kleid ohne Mantel, und war mit einem großen Schwert umgürtet, sein Gang wie sein Ansehen waren fest und trotzig. Die Fremden ließen sich auch auf den Hügel nieder. Nach den gewöhnlichen Begrüßungen fragte derjenige, welcher ein Geistlicher zu sein schien, mit freundlichem Wesen, ob die Wanderer vielleicht von Straßburg gekommen wären. Franz sagte: »Wir sind vor kurzem von dort aufgebrochen, und jetzt im Begriff, einen Umweg über jenes Städtchen jenseit des Waldes zu machen, um einen deutschen Bildhauer aufzusuchen, für welchen ich einen Brief mit mir führe.« »So?« sagte der Trotzige, »und sollte dieser Mann nicht vielleicht aus Nürnberg sein und Bolz heißen?« »Allerdings«, sagte Franz, »und ich verwundre mich nur, woher Ihr es wissen könnt.« »Weil ich es selber bin«, sagte jener, »man hat mir schon darüber geschrieben, wie gut, daß wir uns zufällig treffen, denn ich konnte dort nicht mehr verweilen, und hätte mir den Brief müssen nachsenden lassen.« »Ihr kommt seit kurzem aus Italien?« fragte Franz.

»Ja«, sagte Bolz, »ich gehe nun über Straßburg, und von da nach Nürnberg, meiner Vaterstadt, zurück.«

»O wie glücklich seid Ihr«, rief Sternbald aus, »Ihr seht die geliebte Heimat, den hochverehrten Dürer, den edlen Mann in wenigen Wochen! O bringt ihm und meinem Freunde Sebastian meine herzlichsten Grüße.«

»Kann vielleicht geschehen«, sagte der Bildhauer mit einer wegwerfenden Art. »Aber wer seid Ihr denn? Denn noch weiß ich nichts von Euch, nicht einmal Euren Namen.«

Franz nannte sich ihm und seinen Beruf und fragte dann begierig: »Was macht der edle Raffael von Urbin? Habt Ihr ihn gesehn?«

Der Mönch nahm das Wort: »Nein«, sagte er, »leider hat diese schönste Zier der edlen Malerkunst die Erde verlassen; er ist im vorigen Jahre gestorben. Mit ihm ist die höchste Blüte der Kunst in Italien gewelkt.«

»Wie Ihr da sprecht!« rief der Bildhauer Bolz, »und was wäre dann der unsterbliche Michel Angelo, der die höchste Höhe der Kunst erreichte, die Raffael niemals gekannt hat? Der uns gezeigt hat, was Erhabenheit sei? Dieser lebt noch, mein junger Freund, und er steht als Sieger am Ziel der Skulptur, Malerei und Baukunst, als ein hoher Genius, der jedem Schüler sein Streben andeutet und erleichtert.«

»So ist mir dieser Wunsch meines Herzens versagt?« klagte Franz, »den Mann zu sehen, der ein Freund meines Dürer war, den Dürer so bewunderte, und zu dem seit Jahren ein unnennbares Sehnen mich hinzog?«

»Nun freilich«, rief Bolz aus, »der altfränkische gutherzige Dürer hat ihn auch wohl bewundern dürfen, und für ihn steht freilich Raffael auf einer Höhe, zu der er mit Schwindeln hinaufblicken muß. Er ist aber auch nicht imstande, etwas von Angelos Größe zu verstehen, wenn er ein Werk von diesem erblicken sollte.



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